Selbstverständnis

Minimalkonsens der IG freiräume

Stand: 05.05.2013

Warum gibt es die IG freiräume in Dresden?

Unkommerzielle, ehrenamtliche Gruppen, Projekte, Initiativen und Vereine haben es in Dresden nicht leicht. Erschwingliche Räumlichkeiten sind knapp. Gerade in den letzten Jahren sind Immobilienpreise und Mieten stark gestiegen. Viele Projekte finden sich in einer Konkurrenz zu kommerziellen Bewerbern wieder und können sich selten behaupten. Gleichzeitig haben sie seitens der Stadt mit Kürzungen im sozialen Bereich zu kämpfen und werden in ihrer Bedeutung für ein soziales, kreatives Miteinander der Bewohner_innen Dresdens kaum wahrgenommen. Aus diesem Grund schließen wir uns zusammen um selbstverwaltete, nichtprofitorientierte Räume im kulturellen, sozialen und politischen Bereich zu sichern, zu erhalten und neue zu schaffen.

Wir wollen uns für unsere Interessen einsetzen, gemeinsam wirkungsvolle Strategien entwickeln und uns in politische Prozesse einbringen. Wir wollen uns gegenseitig Unterstützung bieten und uns mit vorhandenen Ressourcen austauschen, Wissen und Kompetenzen gezielt weitergeben. Ebenso sollen Problemfelder in der Stadt auf Grundlage der Netzwerkstruktur analysiert und Veranstaltungen und Aktionen durchgeführt werden.

Wofür steht die Politik der Stadt Dresden?

Die letzte Dekade Stadtpolitik zeigt deutlich, worauf der Fokus liegt: Woba-Verkauf, Abbau von Sozialwohnungsbau, Verkauf und Privatisierung von städtischen Immobilien, Privatisierung von öffentlicher Grundversorgung, Bevorzugung von Großprojekten. Eine Folge ist für alle Bewohner_innen Dresdens spürbar: steigende Mieten zählen seit Jahren zum Alltag.

Unsere Interessen finden darin keinen Widerhall: Durch enorme Kommerzialisierung und Privatisierung öffentlicher Güter ergibt sich eine veränderte Verhandlungsposition, die ein Erstreiten der Nutzung öffentlicher Räume unmöglich macht.
Angesichts dessen werfen wir die Frage auf: Inwiefern kann und will die Institution Stadt noch Ansprechpartnerin sein? Wir wollen unser Engagement nicht nach dem vorherrschenden ideologischen und ökonomischen Wertemuster der Stadt begründen. Die Räume sind aus sich heraus legitim.

Empowerment

Empowerment (Selbstermächtigung) bedeutet aktiv Handlungsrahmen zu schaffen, anstatt auf Stadtpolitik nur reagieren zu können. Wir müssen uns der ökonomischen Verwertungslogik des Stadtraums entgegengesetzen, zugunsten eines lebenswerteren und vielfältigeren Gefüges, das die Entfaltung kreativen und kritischen Potentials ermöglicht und fördert. Selfempowerment ist demnach der Versuch, unseren Alltag emanzipatorisch zu transformieren und unsere Ansprüche an das Projekt „Stadt“ zu formulieren. In diesem Sinn werden wir und unsere Kritik an bestehenden Zuständen hörbar und sichtbar – wir werden handlungsfähig, wir werden vom Objekt zum Subjekt. Wir wollen uns nicht nur verwalten lassen sondern aktiv mitgestalten.

Gemeinsam nach Ansatzpunkten innerhalb der „Institution Stadt“ suchen und diese umsetzen. Wir fordern die Institution Stadt auf – über wirtschaftliche Eigeninteressen und Förderung von Einzelprojekten hinaus – eine vielfältige städtische Kulturlandschaft zu gewährleisten. Es ist notwendig gemeinsam aufzutreten und nach geeigneten Mitteln zu suchen, um unsere Ansprüche an das Projekt „Stadt“ umzusetzen.

Heterogenität

Wir verstehen uns als politisches, soziales und kulturelles Bündnis verschiedener Akteure in Dresden. Auch wenn wir geschlossen nach außen auftreten, agieren die Gruppen und Einzelpersonen im Bündnis autonom. Wir sehen in unserer Vielfalt eine unserer Stärken und wollen diese nutzen. Durch eine (kritische) Solidarisierung wollen wir uns dabei gegenseitig den Rücken stärken und unsere Positionen konkretisieren.

Solidarität

Wir wollen uns gegenseitig unterstützen, Ressourcen austauschen und voneinander lernen. Die Solidarität miteinander und weiteren Gruppen, Personen und Betroffenen soll uns die Möglichkeit geben, unsere Positionen zu stärken – sowohl unserer gemeinsamen als auch die jedes einzelnen Projektes. Solidarität bedeutet für uns das Gegenteil von Konkurrenz und Wettbewerb. Wir lassen uns nicht ausspielen. Durch Transparenz innerhalb der IG freiräume soll vermieden werden, dass die beteiligten Projekte und Personen untereinander in Konkurrenz treten (z.B. in Verhandlungen um Objekte und Plätze).

Wir akzeptieren verschiedene Formen von Aktionen. Ein solidarisches Miteinander bedeutet aber auch Kritik an einzelnen Initiativen innerhalb des Bündnisses üben zu können, jedoch ohne die Betroffenen bloßzustellen. Darum soll Kritik, die sich an Projekte richtet, statt in öffentlicher Distanzierung zuerst intern geäußert werden. Unserer Solidaritätsbegriff ist also als „kritische Solidarität“ zu verstehen.

Die Interessengemeinschaft als transparenter Prozess

Durch die fortwährende Reflektion unserer Handlungen sollen Fehleinschätzungen transparent, sichtbar und Veränderung ermöglicht werden. Durch kollektive Reflektion und Austausch unter den beteiligten Projekten sowie Positionen außerhalb der IG freiräume soll ein möglichst breites Spektrum von Handlungsoptionen entstehen (Potential der Heterogenität). Die Formulierung dieses Minimalkonsenses soll uns eine Basis bieten, auf die wir uns zurückbesinnen und berufen können.

Distanzierung

Der Fokus unserer Arbeit richtet sich auf den Themenkomplex Freiräume. Zugrunde liegt unserem Handeln ein emanizipatorisches Verständnis von Gesellschaft, Stadt und Miteinander. Wir sind uns bewusst über Ausgrenzungsmechanismen in dieser Gesellschaft. Deswegen richten wir uns gegen alle Formen von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie und anderen diskriminierenden Verhaltensweisen. Projekte bzw. Einzelpersonen, welche sich diesem Konsens nicht anschließen, finden hier keinen Platz.

Die Notwendigkeit der Gründung der IG besteht vor allem in der bisherigen Nichtvertretung unserer Interessen durch die hiesigen stadtpolitsch agierenden Akteur_innen.
Wir verstehen die IG als Bündnis für und von Projekten, Initiativen und Vereinen und nicht als Platzhalter für die stadtpolitische Agenda anderer Organisationen.

3 Gedanken zu „Selbstverständnis

  1. Sebastian

    Ich finde ergänzend dazu Folgendes einen spannenden Referenzpunkt aus (natürlich) Hamburg:
    „Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen. Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch eine Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für die lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der „Wachsenden Stadt“ gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt“
    aus Not in our Name, Marke Hamburg!

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  2. johannes lichdi

    Liebe Leute,

    ich finde es ganz toll, dass sich die freiräume jetzt organisieren. ich würde vorschlagen, dass die stadt bauplanungsrechtlich freiräume im sinne eures selbstverständnisses sichert und sie für 5 bis 10 jahre nach einem transparenten verfahren vergibt. Das müsste natürlich entwickelt werden.

    Johannes Lichdi

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  3. Gregor

    Das Forum für Bürgerbeteiligung und kommunale Demokratie veranstaltet im September eine dazu passende, wunderbar klingende Tagung:

    Unter dem Titel »Bürgerbeteiligung in der Kommune auf dem Weg zur Selbstverständlichkeit« wird danach gefragt, „welche Bestandteile und Mechanismen es braucht, um Bürgerbeteiligung vom Ausnahmefall zur Normalität zu machen.“

    13.-15. September 2013, Loccum
    http://www.mitarbeit.de/forum2013.html

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