Reden zur Demo „Freiräume erhalten“ am 1. Februar

Black Wok, Martin-Luther-Platz
Werkstadtpiraten, Louisen-/Ecke Görlitzer Straße

Black Wok, Martin-Luther-Platz

Liebe Hungrige, liebe Menschen,
Auch wir wollen über Freiräume sprechen. Fünfeinhalb Gedanken zu Freiräumen, aus der Perspektive einer Küche.

Erstens) Freiräume sind nicht das Salz in der Suppe, sondern die Hefe im Teig!

Freiräume und selbstverwaltete Projekte sterben aus. So verschwanden zum Beispiel im letzten Jahr: Friedrichstadt Zentral (Atelier und Arbeitsstätte von Kunstschaffenden), der KOK (aus einer Besetzung hervorgegangenes, studentisch verwaltete Räume an der TU Dresden), Abfallgut (Wertstoffhof mit angeschlossenem Umsonstladen in Pieschen), die blaue Fabrik (Kulturort und Künstlervereinigung in der Neustadt), die Praxis (linksradikales Wohnprojekt in Löbtau), Probehaus G10 (von über 100 Künstler_innen genutzte Werkstätte in Reick), Büdchen (Wohnprojekt im Hecht) – es ist absehbar, dass die Liste sich verlängert. Städtische Akteur_innen, zum Teil in Zusammenarbeit mit dem LKA, wirkten in den letzten zwei Jahren mit großem Druck auf die Schließung der letzten Dresdener Freiraum-Orte hin. Die Schließungen verhallen in der Stadt weitesgehend ohne Echo- bis auf die Szene und ein paar Kleinstrukturen gibt es weder Protest, noch überhaupt Resonanz in der Öffentlichkeit.
Es ist anzunehmen, dass der Freiraum Elbtal keine Extra-Tofuwurst gebraten bekommen wird. Er steht jetzt auch auf der Abschussliste. Auf Grund der größe und Lage des Projektes sticht er besonders raus. Ebenfalls bietet er für viele Akteur_innen Infrastruktur und Wohnraum. Hier geht es aber nicht darum, die Stadt Dresden ein bisschen schöner zu machen, sondern es geht darum, die lebenswerter zu machen und Orte zu organisieren, die abseits herkömmlicher Marktlogiken funktionieren. Schließung wäre ein Verlust für Viele zum Preis von teuren Wohnungen für Wenige. Aber wir wollen uns diesen unkommerziellen Freiräum und Experimentierfeld für unsere Lebensentwürfe nicht nehmen lassen. Wir von Black Wok sehen uns als Teil dieser Graswurzelbewegung. Wir schätzen die Möglichkeiten und die Vielfalt, die der Platz bietet sehr und setzen uns deshalb mit ganzer Kraft dafür ein, dass dieser Ort noch lange erhalten bleibt.

Zweitens) Es kocht nicht jede_r sein eigenens Süppchen!

Eine so große Fläche wie die des Freiraums Elbtal bietet Platz für viele unterschiedliche Gruppen und verschiedenste Aktivitäten. Die Synergien, die sich dadurch ergeben, sind nicht zu unterschätzen. Für uns als Küche bietet der Freiraum zum Beispiel die Möglichkeit, zusammen mit den Werkstadtpiraten einen Großteil unseres Equipments kostengünstig vor Ort zu reparieren. Auch wäre es denkbar, regelmäßige Black Wok Veranstaltungen in Zukunft auf dem Platz durchzuführen. Mit dem Barbarium gibt es dafür – zumindest in den wärmeren Monaten – einen Ort der unseren Anforderungen entspricht. Der Wagenplatz war und ist ein sehr guter Ort zum einfach Sein, Sich-Vernetzen und Leute treffen. Wir denken nicht, dass hier zu viele Köch_innen den Brei verderben, sondern freuen uns, dass auf diesem Platz neue Rezepte ausprobiert werden und ein Experimentierfeld für gemeinsames Leben und Arbeiten entsteht.

Drittens) Über den eigenen Tellerrand hinausschauen!

Der Freiraum Elbtal ist nicht nur ein Ort, an dem Menschen leben, sondern wichtiger Bestandteil eines subkulturellen Netzwerkes. Er ist einer der wenigen Plätze an dem es Engagierten ermöglicht wird, niedrigschwellig und mit wenig Geld Veranstaltungen durchzuführen oder andertweitig aktiv zu werden. Projekte wie die Werkstattpiraten setzen dabei auf Empowermentkonzepte: Jedem und jeder wird es ermöglicht, unabhängig von Status und Geldbörse zu Lernen und sich zu beteiligen.
Eine beträchtliche Anzhal Dresdener Gruppen und Strukturen profitieren von diesen Möglichkeiten. Ist der Freiraum bedroht, sind auch alle diese Strukturen mit bedroht.

Viertens) Der Fisch stinkt vom Kopf her!

Unkommerzielle Projekte bekommen in einer profitorientierten Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert. Jedoch werden die (ideellen?) Werte solcher Projekte und die Bedürnisse der betroffenen Menschen in einer reinen marktpolitischen Sicht nicht beachtet. Wir werden nicht die Suppe derer auslöffeln, die mehr Kapitalismus wagen wollen. Freiräume und Kultur müssen für alle zugänglich bleiben. Umso wichtiger ist es den Freiraum Elbtal zu erhalten.

  • Abkehr von markt- und geldpolitischer Sicht auf die Dinge
  • Anerkennung des „Wertes“ unkommerzieller Projekte – Entscheidungen nach der Bedürftnislage der Menschen.
  • Es macht keinen Sinn, dass das Gelände auf Jahre brach liegt.

Fünftens) Da waren die Augen wieder größer als der Magen!

Den Freiraum Elbtal zu räumen, damit anschließend dort Häuser gebaut werden, macht keinen Sinn. Hier wie an anderen Stellen handelt es sich um ein Gelände, von dem alle wissen, dass es regelmäßig überflutet, evakuiert und wieder instand gesetzt werden muss. Dazu kommt: Das Gelände des Freiraum Elbtals liegt in der Rententionsfläche der Elbe, also einem Bereich, welches im
Hochwasserfall geflutet wird und damit die Hochwasserbelastung elbabwärts verringert. Eine Hafencity funktioniert hier nicht – 7m hohe Wände sind da keine Alternative. Der Wagenplatz auf einer solchen Fläche hingegen ist ein funktionierendes Konzept: Wie wir dieses Jahr gesehen haben, konnten alle wichtigen Sachen – also im Wesentlichen die Bauwägen der dort wohnenden Menschen – binnen zwei Tagen weggezogen und nach der Flut wieder zurückgekarrt werden. Für Black Wok ist der zentral gelegene Freiraum gut geeigneter Kochort und Lager. Wir bleiben!

Fünfeinhalb) Wir wollen kein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei

Wir warten nicht ab und trinken auch keinen Tee, wir haben es satt! Die Rechnung Hafencity wurde ohne die Wirtin gemacht. Wir fordern die grundlegende Anerkennung und Unterstützung von
Freiräumen wie dem Freiraum Elbtal und allen anderen Projekten als Teil des kulturellen und politischen Lebens der Stadt! Wir fordern die Anerkennung der Schaffenden von Subkultur als Akteur_innen des politischen Lebens in der Stadt Wir lassen uns nicht in die Suppe spucken! Freiraum Elbtal bleibt!

Werkstadtpiraten, Louisen-/Ecke Görlitzer Straße

Wir, die Werkstattpirat*innen betreiben auf dem Gelände des Freiraum Elbtals eine offene Werkstatt. Dort gibt es mehrere Arbeitsplätze und jede Menge Werkzeuge und Maschinen welche auf Spendenbasis genutzt werden können. Unsere Werkstatt ist allerdings nicht nur Infrastruktur zum Werkeln, sondern für uns auch ein Raum in dem wir ein anderes Miteinander ausprobieren können und wollen. So wollen wir uns möglichst hierarchiearm organisieren und versuchen dabei auch informelle Hierarchien und patriarchale Strukturen aufzudecken und abzubauen. Die Werkstatt ist ein Raum in dem wir uns Fähigkeiten aneignen und verbessern können, weder wir, als organisierende der Werkstatt, noch deren Nutzer_innen müssen Expert_innen sein. Sie ist ein Ort an dem Vernetzung mit Anderen möglich ist, die ihr Wissen teilen oder beim Rumexperimentieren helfen können und wollen. Dabei legen wir großen Wert auf gleichberechtigtes Lernen.

Auf dem Gelände des Freiraum Elbtals sind wir nun seit gut 3 Jahren. Seit dem 30. Juni letzten Jahres sind wir, wie der gesamte Platz gekündigt. Das ist mittlerweile sieben Monate her und trotzdem sind wir noch da und wollen auch weiter bleiben. Aber die Eigentümer des Geländes, eine Erbengemeinschaft, haben andere Pläne, sie wollen das Gelände an das Unternehmen DresdenBau verkaufen. Dieses möchte direkt neben der ebenfalls geplanten Hafencity eine weitere Premium-Wohnanlage unter dem Namen Marina Garden bauen und laut dnn für 14€ pro Quadratmeter vermieten.
Mit unserem Konzept haben wir dagegen gesehen natürlich keinen Wert, denn in kapitalistischer Logik ist nicht wertvoll was unsere Bedürfnisse befriedigt, sondern was Profit erwirtschaftet. Das können und wollen wir mit unserem Projekt gar nicht, viel mehr wollen wir dem damit etwas entgegensetzen und versuchen Alternativen zu entwickeln und zu leben. Dabei ist uns klar, dass wir uns der kapitalistischen Verwertungslogik von Kaufen und Verkaufen nicht komplett entziehen können, aber das organisieren einer Werkstatt in der das Bauen und Basteln nicht vom Geldbeutel abhängig ist, liegt uns trotzdem am Herzen.

Aber mal weg von der Werkstatt und vom Freiraum Elbtal, denn eigentlich geht es für uns hier um mehr als unsere kleinen Projekte. Denn genau das mit dem wir hier gerade kämpfen, damit haben und hatten auch andere Menschen zu tun. Prominente Beispiele hierfür sind das Topfsquat in Erfurt welches vor etwa 5 Jahren einem Gartecenter weichen musste, die Liebig 14 in Berlin, die vor circa 3 Jahren geräumt wurde und auf derem Gelände jetzt Eigentumswohnungen stehen oder ganz aktuell die Rote Flora in Hamburg, welche gerade für ihr verbleiben kämpft. Und auch hier in Dresden sind in letzter Zeit einige Projekte verschwunden wie das AbfallGUT, das G10 – Proberaumhaus und die Praxis. Auch wenn all diese Projekte in ihrer Ausrichtung und Ausgestaltung recht unterschiedlich sind, ist doch eine klare Kontinuität zu erkennen: nichtprofitorientierte und selbstorganisierte Projekte müssen besser verwertbaren Räumen weichen. Wer mal darauf geachtet hat wieviele Projekte dadurch in den letzten Jahren verschwunden sind und wie wenige neue entstanden sind und dass es immer schwerer wird neue Räume, vor allem innenstadtnah, zu bekommen, die oder der wird sicher auch das Gefühl haben, dass es langsam immer enger wird für uns. Somit sehen wir das Ringen unserer Projekte als Teil eines viel größeren und langandauernden Konfliktes um das Recht Räume in den Städten in denen wir leben zu nutzen. Daher sehen wir auch die Kämpfe anderer Projekte nicht losgelöst von unserem sondern nehmen Anteil an diesen Auseinandersetzungen. Und deswegen begnügen wir uns auch nicht damit einen Fortgang unseres Projektes zu erstreben, sondern wollen generell unser Recht einfordern die Stadt in der wir leben mitzugestalten und zwar jenseits von Profit- und Verwertungslogik.

Zurück zur Werkstatt und zum Freiraum Elbtal. In knapp drei Monaten steht nun der Prozess an, vor Gericht soll geklärt werden ob wir bleiben dürfen oder nicht. Juristisch ist die Sache sicherlich recht klar, denn das Eigentumsrecht der Erbengemeinschaft steht vor Gericht höher als unser Bedürfnis die Stadt mitzugestalten und Räume zu haben um an unseren Vorstellungen eines anderen Miteinanders zu experimentieren. Das heißt aber nicht, dass wir auf unser Recht auf Stadt verzichten. Wir werden auch weiterhin bleiben!!! … Ja toller kämpferischer Spruch, etwas hohl vielleicht, denn letztenendes wird das Eigentumsrecht auch mit Gewalt gegen uns durchgesetzt werden. Dagegen werden wir nicht viel machen können. Trotzdem werden wir es nicht leicht machen, es wird lange dauern und laut sein.

Und dann? Das Projekt ist nicht tot nur weil uns die Räume genommen wurden. Auch wenn es für nichtprofitorientierte und selbstorganisierte Projekte immer schwieriger wird, gerade in einer Stadt wie Dresden, die an solchen Projekten offensichtlich nicht das geringste Interesse hat. Wir werden weitermachen und für unser Recht auf Stadt kämpfen, diese Demo ist da nur ein Anfang. Letztlich kann das dann auch heißen uns zu nehmen, was wir brauchen.

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